Regelchaos in Europa – Nikotinbeutel werden als alles von Lebensmitteln bis Straftaten eingestuft
Wie kann dasselbe Nikotinprodukt in einem EU‑Land ein Alltagsprodukt sein und in einem anderen als Straftat gelten? Die uneinheitliche Regulierung von Nikotinbeuteln in Europa stößt bei Forschern und Branchenvertretern auf Kritik. Sie warnen davor, dass politische Entscheidungen der öffentlichen Gesundheit zuwiderlaufen könnten.
Auf einen Blick
- Die Regulierung von Nikotinbeuteln ist in Europa stark fragmentiert und uneinheitlich.
- Dieselben Produkte werden je nach Land als Konsumgut, Arzneimittel, Lebensmittel oder Straftat behandelt.
- Experten warnen, dass Verbote und Strafansätze historisch gescheitert sind und die öffentliche Gesundheit gefährden können.
- Gefordert wird eine evidenzbasierte, EU‑weit abgestimmte Regulierung mit klarem Fokus auf Risikoproportionen und Jugendschutz.
Die Produktklassifizierung variiert erheblich
Nikotinbeutel können in einem Land legal sein, in einem anderen als Arzneimittel eingestuft werden – und in einem dritten vollständig verboten sein. Karl E. Lund, Senior-Researcher am Norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit, beschreibt die internationale Regulierung als fragmentiert und inkonsequent.
„Die Produktklassifizierung variiert erheblich. Nikotinbeutel können als Konsumgut, Arzneimittel, Tabakprodukt oder sogar als Lebensmittel betrachtet werden“, sagte Lund, als er Ende 2025 auf dem „The E‑Cigarette Summit UK“ sprach.
Die Unterschiede betreffen nicht nur die Klassifizierung, sondern auch zulässige Nikotingehalte, Werberegeln, Altersgrenzen und den Zugang zu den Produkten.
Frankreich als Sonderfall
Ein extremes Beispiel ist Frankreich, wo Politiker ein vollständiges Verbot von Nikotinbeuteln diskutiert haben – einschließlich möglicher Haftstrafen für den Besitz. Dies geschieht trotz der Tatsache, dass deutlich gefährlichere Zigaretten weiterhin legal verkauft werden.
„Wir sind wieder bei Bestrafung als politischem Steuerungsinstrument angekommen“, stellt Lund fest und zieht eine klare historische Parallele.
Er erinnert daran, dass Versuche, den Nikotinkonsum durch Strafen zu beseitigen, seit Jahrhunderten gescheitert sind.
„Nikotinprodukte sind nie verschwunden, ohne durch andere ersetzt zu werden“, sagt er und verweist auf das klassische Zitat von Michael Russell aus dem Jahr 1971:
„No population has dispensed with one form of tobacco use without replacing it by another.“
Risiko einer politischen Fehlsteuerung
Markus Lindblad, Head of Communications bei Haypp, warnt davor, dass die zersplitterte Regulierung kontraproduktive Folgen haben könnte.
„Wenn dasselbe Produkt in einem Land als Lebensmittel gilt und in einem anderen als strafbar, verliert die Regulierung sowohl an Legitimität als auch an Wirksamkeit“, sagt er.
Seiner Ansicht nach führt das Fehlen einer gemeinsamen EU‑Linie zu Unsicherheit für Verbraucher ebenso wie für politische Entscheidungsträger.
„Was wir derzeit sehen, ist Symbolpolitik statt evidenzbasierter Gesundheitspolitik“, so Lindblad. Er ergänzt, dass klar zwischen Rauchen und rauchfreien Nikotinprodukten unterschieden werden müsse. Zigaretten sollten am strengsten reguliert werden, da sie das mit Abstand größte Gesundheitsrisiko darstellen.
Gleichzeitig sollten Behörden und die EU den Schutz von Kindern und Jugendlichen priorisieren – etwa durch Altersverifikation und klare Marketingregeln, wie sie im Online‑Verkauf bereits etabliert sind.